Ein ganz normaler Schultag

Herr Schneidereit unterrichtet Mathe und Deutsch am Heinrich Faust Gymnasium in Bad Pudel. Die Schule wird auch von den beiden Schülern Sabine und Rolf besucht. Beide gehen in die neunte Klasse, Sabine ist in der Klasse von Herrn Müller und Rolf ist in der Klasse von Frau Meier. Wie alle Schüler des Heinrich Faust Gymnasiums haben sie einen Tabletcomputer der von der Schule für den Unterricht gestellt wird.

Der Schultag von Rolf beginnt heute um 8.00 Uhr mit einer Doppelstunde Deutsch. In der gleichen Zeit hat Sabine eine Doppelstunde Politik und Wirtschaft. Beide brauchen von zu Hause etwa eine Halbe Stunde in die Schule. Dazu kommen noch 20 Minuten zum Aufstehen und für das Frühstück.

Um zehn nach sieben klingelt das Tablet von Sabine und weckt sie. Das Tablet kennt ihren Stundenplan und weiß wie lange sie vom Aufstehen bis in die Schule braucht. Auch bei Rolf würde jetzt das Tablet klingeln und ihn wecken. Glücklicherweise hat das Tablet aber die Information vom Schulserver bekommen, dass Herr Schmidt krank ist und Rolfs ersten beiden Stunden daher ausfallen. Er kann also bequem weiterschlafen und wird automatisch zwei Schulstunden später geweckt und kommt so pünktlich zu Latein in der Dritten Stunde.

Während Rolf also weiter schläft macht Sabine sich fertig und fährt in die Schule. In der Bahn schaut sie auf ihr Tablet: drei neue Nachrichten. Zwei Nachrichten wurden automatisch vom eLearning System der Schule erstellt. Die erste ist eine Erinnerung, dass Sabine heute Abend bis 23.00 Uhr noch ein Referat online abgeben muss. Die zweite ist eine Einladung zum Infoabend für die Klassenfahrt am Ende des Schuljahres. Die letzte Nachricht ist von Petra, einer Freundin mit der Sabine an dem Referat arbeitet. Sabine beantwortet die Nachricht und schickt Petra ihren vorläufigen Entwurf vom Handout.

In der Schule angekommen geht Sabine direkt zum Politik und Wirtschafts Unterricht. Die Stunde findet heute nicht wie gewohnt im dritten Stock statt, da der Klassenraum heute neu gestrichen wird. Ihr Tablet informiert sie rechtzeitig vorher über den Raumwechsel.
Wie immer hat Herr Müller ein tagesaktuelles Thema für die Stunde: der sprunghafte Anstieg der Preise für Schrauben der Größe M7 mit Linksgewinde. Die Preise haben sich am abend zuvor fast verdoppelt. Zu dem Thema hat Herr Müller auch schon einen Artikel und weiterführende Links in den virtuellen Kurs im eLearning System eingetragen. Die Schüler haben zehn Minuten Zeit sich den Artikel durchzulesen, den Rest der Stunde wird über die Auswirkungen im Hinblick auf die Freie Marktwirtschaft diskutiert.

Pünktlich zur dritten Stunde ist auch Rolf in der Schule. In Latein wird gerade Ceasar  “De Bello Gallico” übersetzt. Der Originaltext, der über das Internet frei und kostenlos verfügbar ist, wurde am Anfang des Schuljahres von Frau Werner über das eLearning System der Schule allen Schülern bereitgestellt und kann im Unterricht von den Schülern über ihre Tablets gelesen werden. Begleitend zu dem Originaltext finden die Schüler auch eine Musterübersetzung, ein Latein Wörterbuch und verschiedene Interpretationsansätze sowie zusätzliche Hintergrundinformationen im eLearning System. Passend zum Thema zeigt Frau Werner regelmäßig alte Karten und andere Informationen via Beamer im Unterricht. Auch diese Informationen können sich die Schüler später online noch einmal anschauen.

Während Rolf in Latein sitzt hat Sabine Mathe bei Herrn Schneidereit. Als die Schule vor einiger Zeit überlegt hat die klassischen Tafeln in den Klassenräumen durch moderne Smartboards zu ersetzen hat sich Herr Schneidereit vehement dagegen gewehrt. Als Lehrer vom alten Schlag bevorzugt der die klassische Tafel. Außerdem sind Smartboards mit Preisen jenseits von 2000€ bei über 30 Klassenräumen finanziell unsinnig. Nichtsdestotrotz benutzt Herr Schneidereit die Tafel heute nur noch selten. Über die letzten zwei Jahre hat der sich daran gewöhnt statt an einer Tafel am Computer zu schreiben. Die Schule stellt hierzu ein Kontingent von speziellen Tablets bereit. Diese können von Lehrern für den Unterricht geliehen werden. Im Klassenraum schließt man das Tablet einfach an den dort fest installierten Beamer an. Herr Schneidereit schreibt die Rechenbeispiele die er früher an der Tafel gemacht hat jetzt am Computer. Die Schüler können dies über den Beamer mitverfolgen. Vorteil: das Tafelbild kann später im eLearning System von den Schülern runtergeladen werden um z.B. für Klausuren zu lernen.
Hausaufgaben gibt es nicht mehr auf kopierten Blättern, sondern direkt über das eLearning System der Schule. Diese können vom Schüler auf dem Tablet oder dem heimischen Computer betrachtet und runtergeladen werden. Die Aufgaben und Beispiele nimmt Herr Schneidereit aus einem kostenlosen Mathebuch. Dieses wird ähnlich wie die Wikipedia von einer Gemeinschaft aus Schülern, Lehrer, Studenten und Anderen über das Internet geschrieben. Ändert ein Benutzer etwas, so wird die Änderung von einer Fachkraft gegengelesen und auf Korrektheit geprüft. So wird sichergestellt, das sich keine Fehler einschleichen. Über die Jahre ist das Buch gewachsen und hat heute eine umfangreiche Sammlung von Aufgaben und Beispielen zu allen Themen.
Bei Bedarf kann sich ein Schüler auch ein Blatt ausdrucken. Hierzu stehen jedem Schüler 30 kostenlose Seiten pro Schulhalbjahr zur Verfügung. Weitere Seiten können gegen eine geringe Gebühr pro Seite gedruckt werden. Gerechnet wird weiter auf normalem Papier. Auch Hausaufgaben werden auf Papier abgegeben. Das hat sich im Matheunterricht als praktischer erwiesen als ein elektronisches Heft.

Nach Mathe hat Sabine noch Deutsch. Dort behandeln sie gerade Schillers “Die Räuber”. Das Buch gibt es frei über das eLearning System der Schule und kann von den Schülern auf ihrem Tablet gelesen werden. Anmerkungen und Kommentare sind ebenfalls möglich. Dazu gibt es noch weitere Sekundärliteratur und anderes Zusatzmaterial.
Die Hausaufgaben in Deutsch werden üblicherweise auf dem Computer geschrieben und online abgegeben. Das System überprüft automatisch im Hintergrund, ob mehrere Schüler den gleichen Text abgegeben haben. Sollte dies der Fall sein wird der Lehrer automatisch informiert. Die abgegebenen Hausaufgaben werden dann entweder alle oder nur Stichprobenartig von Herrn Schneidereit korrigiert. Eine Bewertung und Feedback erfolgen ebenfalls online und können dort vom Schüler eingesehen werden.

Während Sabine Schillers Räuber genießt ist Rolf heute an der Reihe sein Referat in Bio zu halten. Die Präsentation und das Handout hat er am Abend vorher über das eLearning System abgegeben. Seine Mitschüler können sich sie Präsentation und das Handout hier direkt anschauen oder runterladen. Auch die Bewertung für das Referat ist später online zu finden. Natürlich kann diese nur von den Beteiligten eingesehen werden. Um das Referat zu halten verbindet Rolf sein Tablet via WLAN das überall in der Schule zur Verfügung steht mit dem Beamer. In dem Referat zur Feldheuschrecke zeigt Rolf zusätzlich zur klassischen Präsentation noch ein kurzes Video und er spielt ein kurzes Beispiel der für die Heuschreckenart typischen Zirp-Geräusche über die im Klassenraum montierten Lautsprecher vor.

Am Abend macht Rolf seine Mathehausaufgaben. Da er an einer Stelle nicht weiter kommt schaut er im Matheforum des eLearning Systems der Schule nach, ob jemand anderes das gleiche Problem und vielleicht eine Lösung hat. Fehlanzeige. Leider ist auch im Chat gerade niemand online der ihm die Frage beantworten könnte. Daher erstellt er im Forum ein neues Ticket mit seiner Frage. Dieses kann von seinen Mitschülern oder einem Lehrer beantwortet werden. Zusätzlich gibt es auch noch Tutoren, Schüler aus einem höheren Jahrgang, die freiwillig in einem oder mehreren Fächern anderen Schülern Fragen beantworten.
Zusätzlich zu den Schüler-Tutoren hat die Schule vor kurzer Zeit ein Projekt ins Leben gerufen, um die Schüler noch besser zu unterstützen: für jeden Fachbereich beschäftigt die Schule einen oder mehrere Studenten, die im eLearning System helfen und einmal die Woche eine Sprech-und Übungsstunde anbieten. Die Schüler bekommen so die Möglichkeit nicht verstandene Dinge noch einmal erklärt zu bekommen. Auf diese Weise bekommen insbesondere schwächere Schüler die Möglichkeit nicht hinten abzukippen. Gleichzeitig werden die Lehrer entlastet.

 

Ist so etwas denn überhaupt möglich? Alles nur Wunschdenken? Nein. Die nötige Technologie gibt es schon heute zu bezahlbaren Preisen. Der Punkt an dem die “Schule 2.0″ heute scheitert ist leider ausschließlich die Schulpolitik. Anstatt moderne Mittel zu nutzen um die Bildung zu verbessern wird an alten Strukturen festgehalten. Schade. Man könnte so viel machen. Man könnte so viel besser machen.